
Warum Hunde im Herbst/Winter Übergang„verrückt spielen “ – und was in ihrer Umwelt wirklich passiert
- sarahbetzer
- 26. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Mit dem Herbst beginnt für viele Hunde eine Jahreszeit, in der Reize intensiver werden und Verhalten deutlicher auffällt. Für uns Menschen wirkt die Welt in dieser Phase ruhiger: kürzere Tage, gedämpftes Licht, kältere Luft. Für Hunde passiert jedoch das Gegenteil. Die Umwelt wird schärfer, dichter, komplexer. Und genau das erklärt, warum so viele Hunde im Herbst und frühen Winter aufgedrehter, reizoffener oder sogar unruhiger wirken.
Wenn die Temperaturen fallen, zieht sich Feuchtigkeit in den Boden, Nebel legt sich über Wiesen und Wälder, und die Luft wird dichter. Geruchsmoleküle binden sich stärker an feuchte Luft. Das bedeutet: Gerüche tragen weiter, bleiben länger erhalten und liegen konzentrierter in Bodennähe. Was für uns kaum wahrnehmbar ist, wird für Hunde zur sensorischen Dauerbeschallung. Sie riechen Spuren von Wild, hormonelle Veränderungen anderer Hunde, veränderte Pflanzenprozesse und Verwesungsgerüche – alles viel intensiver als im trockenen Sommer. Für Hunde, die ohnehin einen hohen Such- oder Kontrolltrieb haben, ist das wie ein permanenter Weckruf.
Auch akustisch verändert sich die Welt. Feuchte, kalte Luft trägt Geräusche klarer. Schritte, entfernte Stimmen oder Tierbewegungen wirken näher, deutlicher, kontrastreicher. Hunde nehmen diese Veränderungen sofort wahr. Viele wirken dadurch wachsamer, reaktiver und „schneller an“.
Optisch verändert sich ebenfalls viel. Herbstlicht ist weicher, die Schatten sind härter, Bewegungen wirken unruhiger. Raschelndes Laub, flackernde Lichtkegel, tanzende Schatten, windbewegte Büsche – all das produziert ein chaotischeres, schwerer einzuordnendes visuelles Umfeld. Hunde, die sich an Struktur und Wiedererkennbarkeit orientieren, arbeiten in dieser Zeit härter daran, ihre Umwelt zu sortieren. Je nach Hundetyp kann das zu höherer Anspannung oder scheinbarer Aufgedrehtheit führen.
Zusätzlich kommt bei vielen Hündinnen ein hormoneller Faktor dazu. Die Herbst-Winter-Monate sind eine Phase, in der viele Hündinnen läufig werden oder hormonell stärker reagieren. Der Organismus stellt sich auf sinkende Temperaturen und veränderte Lichtverhältnisse ein. Die Ausschüttung bestimmter Hormone – darunter Melatonin, Progesteron, Cortisol – kann schwanken. Das beeinflusst Verhalten, Reizschwelle und Stressverarbeitung. Rüden wiederum reagieren auf die hormonellen Spuren läufiger Hündinnen deutlich stärker, weil die Gerüche in der feuchten Luft länger stehen bleiben und weiter getragen werden.
Kurz gesagt: Die Welt wird für Hunde in dieser Jahreszeit nicht leiser, sondern lauter – nur auf Ebenen, die wir Menschen nicht bewusst wahrnehmen. Mehr Gerüche, klarere Geräusche, bewegtere Optik, hormonelle Einflüsse. Viele Hunde sind dadurch schlicht sensorisch überlastet. Sie müssen mehr sortieren, mehr filtern, mehr bewerten. Und wenn Struktur und Führung fehlen, äußert sich diese Reizverdichtung in Hibbeligkeit, Aufgeregtheit, mehr Ziehen an der Leine, verstärktem Kontrollverhalten oder scheinbarer „Sturheit“.
Je stabiler die Strukturen im Alltag, desto besser kann ein Hund diese Jahreszeit verarbeiten. Klare Rituale, Raumverwaltung, ruhige Führungsenergie und planbare Abläufe helfen dem Hund, trotz der intensiven Umweltreize innerlich herunterzufahren.

